Das große Summen auf städtischen Dächern
Von Elisabetta GaddoniVor allem in den Großstädten gibt es in den letzten Jahren immer mehr Stadtimker. Viele, überwiegend jüngere, halten ihre Bienen auf Dächern oder Dachterrassen und vermarkten ihren Honig als grüne Visitenkarte ihrer Stadt. Honigliebhaberin Elisabetta Gaddoni hat zwei luftige Bienenstandorte in Berlin besucht und sich von den Besonderheiten der Dachimkerei erzählen lassen...
„Rauch!“, ruft Stefan Seifert, in der Hand hält er den Deckel eines Bienenkastens; um seinen Gesichtsschutz summt irritiert eine dunkle Bienenwolke. „Wo ist der Smoker?“, ruft er nochmals. Schnell eilt Patrick mit einer metallenen, mit einem kleinen Blasebalg versehenen Kanne herbei und pustet wiederholt kleine Rauchwolken auf die Bienen. „So simuliert man einen Waldbrand“, erklärt mir Stefan. „Die Bienen denken, dass sie den Bienenstock verlassen müssen, gehen aber erst hinunter in die Honigkammer und saugen sich voll, um nicht ohne Vorräte weiterzuziehen. So sind sie mindestens zehn Minuten beschäftigt, und wir können unsere Arbeit in Ruhe erledigen“. Tatsächlich verschwinden die meisten Bienen nach kurzer Zeit in den vielen Ritzen zwischen den Waben.
Die Arbeit besteht heute darin, einen ‚Ableger’ anzulegen. Dies soll vermeiden, dass ein Bienenvolk auf der Suche nach einem neuen Standort ‚schwärmt’. Das passiert dann, wenn ein Volk zu groß geworden ist. Dieses Phänomen, das meist im Mai oder Juni auftritt, kann besonders für Dachimker zu einem akuten Problem werden. Es ist nicht einfach, ein Bienenvolk wieder einzufangen, das sich auf einem hohen Baum oder an einer Dachrinne niedergelassen hat. „Um dem vorzubeugen, wird ein neuer Kasten angelegt, ohne Königin aber mit Eiern oder jungen Larven, damit die Arbeitsbienen zunächst damit beschäftigt sind, eine neue Königin großzuziehen und nicht mehr ans Schwärmen denken!“ erzählt mir Lisa Schwab und lächelt durch den schwarzen Rundumschleier. Letztes Jahr war ein Bienenvolk doch geschwärmt, hatte sich auf dem benachbarten Spielplatz niedergelassen und für große Aufregung gesorgt. „Bienen sind aber friedlich“, sagt Imkerlehrling Patrick, „sie stechen nur, wenn man Ihnen Angst macht.“
Ich lehne mich über das Geländer, das die große Dachterrasse begrenzt, und schaue nach unten. Die Geräuschkulisse der stark befahrenen Urbanstraße sorgt nicht gerade für ein Gefühl von Landidyll. Der Neubau, der sich im sozialen Brennpunkt ‚Graefekiez’ befindet, beherbergt den Kinder- und Jugendtreff ‚Drehpunkt’. Lisa und Stefan betreiben hier seit anderthalb Jahren, im Rahmen des Projektes „Interkulturelle NaturWerkStadt“, die Dachimkerei zusammen mit Jugendlichen. „Die Bienen durch das Jahr zu begleiten, mit allen dazugehörigen handwerklichen Arbeiten, der Möglichkeit spannender Entdeckungen und schließlich der gute Honig als Lohn, das macht die Imkerei zu einer reizvollen Sache für junge Menschen, die sonst in der Schule wenige Erfolgserlebnisse haben“, erzählt Lisa. Die Ernte vom letzten Sommer, der ‚Graefehonig’, war ein Volltreffer, hat viele begeisterte Abnehmer gefunden: flüssig wie Sirup, klar in der Farbe, aber sehr intensiv und füllig im Geschmack.
Komplexer und gesünder
Dass Honig aus der Stadt reichhaltiger und komplexer ist als der der landwirtschaftlich geprägten Gebiete, ist inzwischen bekannt. Bienen finden in Grünanlagen, Parks, Brachflächen, Friedhöfen, Balkons und begrünte Terrassen eine größere Vielfalt an Blüten als in Gegenden, die von Monokulturen wie Raps oder eintönigen Obstplantagen beherrscht werden. Hinzu kommt, dass es in der Stadt länger warm bleibt. So geben die Bienen nicht, wie ihre ländlichen Kolleginnen, einmal pro Sommer Honig sondern mehrmals im Jahr. Außerdem gibt es im urbanen Grünen keine Pestizide, die die Bienen schwächen oder ihnen den Orientierungssinn rauben können. Allerdings stellt sich die Frage, ob Großstadthonig trotz Feinstaub und Abgasen noch gesund ist. „Bienen filtern schädliche Partikel aus dem Nektar heraus, bevor sie ihn in den Stock liefern: Das ist Teil ihrer Überlebensstrategie“, sagt die Dachimkerin Erika Mayr. „Pestizide, die nicht so leicht herausgefiltert werden können, gibt es in der Stadt nicht. Dafür ergeben Pollenanalysen mehr als 500 unterschiedliche Sorten von Pollen in einem Glas“. Die studierte Gartenbauerin hält auf dem Dach des Kreativhauses „AquaCarré“ in Berlin Kreuzberg drei Bienenvölker. Diese begegnen möglicherweise auf ihren Touren Bienen, die unweit auf dem Dach der Gesundheitszentrums „Heile Haus“ wohnen. „Ein Problem der urbanen Imkerei ist die Dichte der Bienenstöcke: Es kann zu Raubzügen von Bienen kommen, die den Honig der anderen Völker riechen“, sagt Erika Mayr. „Auch Angriffe von Krähen und Amseln müssen die Bienen fürchten. Dafür sind die Bienenstöcke auf den Dächern geschützter vor Vandalismus und Diebstahl.“
Ein Nischenprodukt mit potential. Die Imkerei ist ohnehin ein teures Hobby: eine Königin kostet um die 20 Euro, ein Bienenvolk um die 100, ohne die Grundausstattung dazu zu rechnen. Diese Investitionen bekommt man durch den Honigverkauf kaum wieder herein, geschweige denn die Arbeitszeit. Dass es immer weniger Berufsimker gibt, hat auch mit der Konkurrenz des Import-Honigs aus dem Supermarkt zu tun. Dieser ist zwar qualitativ nicht vergleichbar, aber unschlagbar billig. „In einer Stadt wie Berlin werden im Jahr 4.000 Tonnen Honig verbraucht, produziert werden aber nur 150 Tonnen“ berichtet die Honigaktivistin Annette Müller. Sie hat mit „BerlinerHonig.de“ eine Initiative gegründet, um Honig von Stadtimkern direkt zu vermarkten. „Wenn man bereit wäre, für einen viel besseren Honig einen adäquaten Preis zu zahlen, gäbe es vielleicht für viele Hobbyimker den Anreiz, Imkerei professionell zu betreiben“. Ab einer bestimmten Größenordnung sei das Dach allerdings nicht mehr geeignet, meint sie.
Immerhin hat die Möglichkeit, Imkerei ‚wohnungsnah’ auszuprobieren, diesem schwindenden Handwerk in den letzten Jahren viele neuen Anhänger eingebracht. Eins oder zwei Bienenvölker, die man übrigens beim Veterinäramt anmelden muss, ein bisschen Grundausstattung und ein sogenannter ‚Imkerpate’, der einem am Anfang die wichtigsten Vorgänge zeigt, reichen schon aus. Möglicherweise haben auch die besorgniserregenden Meldungen um das Bienensterben Menschen dazu angespornt, sich für Imkerei zu interessieren.
Summende Botschafterinnen der Stadtnatur
Die Guerilla-Gartenbewegung, und noch früher öffentliche Aktionen von Künstlern, haben auf die kleinen, fleißigen Stadtbewohnerinnen aufmerksam gemacht. Schlagzeilen machte 2001 der ‚Miel Betòn’ (Beton-Honig) der Bienen, die der Künstler Olivier Darné auf dem Dach des Rathauses von Saint Denis, einem Städtchen an den Toren von Paris, hielt. Mittlerweile gibt es Bienenstöcke auf den Dächern vieler repräsentativer Gebäuden aller Großstädte: auf dem Dach der Wiener Staatsoper, so wie auf der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn. In Berlin gibt es Bienenstöcke u.a. auf dem Berliner Dom, auf dem Abgeordnetenhaus und auf dem Haus der Kulturen der Welt; jede Woche kommt ein weiteres prominentes Gebäude dazu. Das Projekt „Berlin summt – Bee Berlin“, initiiert von zwei Biologen, will dadurch den Menschen bewusst machen, wie wichtig Bienen für die Artenvielfalt und für die Landwirtschaft sind. Denn rund 80 Prozent der 2.000 – 3.000 heimischen Nutz- und Wildpflanzen sind auf die Honigbienen als Bestäuber angewiesen.
Wichtig beim Honigschleudern ist, dass alles penibel sauber ist. Patrick und seine Mitstreiter Victor, Haissam und Jesse haben Klappmützen aufgezogen, um ihre Haare zu bändigen. Die Einrichtung der Großküche ist fast komplett mit Folie abgedeckt. Erst wird mit einer Art Gabel das Wachs, mit dem die Bienen die Honigzellen abgedeckelt haben, weggekratzt. Dann werden vier Waben auf einmal geschleudert. Eine volle Wabe ergibt im Schnitt um die zwei Kilo Honig. Bei dieser ersten Ernte bestimmen hauptsächlich die Robinien den Geschmack. Der angenehme Duft von Honig und Wachs schwebt im ganzen Raum und stimmt glücklich. Der neue, gelbe klare Honig fließt üppig aus dem Hahn in einen Becher. Das Aroma ist überwältigend: so schmeckt kein Honig, der schon länger im Glas gestanden hat. Dieser Geschmack bleibt auf dem Weg nach Hause noch lange am Gaumen haften.
Weitere Informationen
www.natur-pur-dachimkerei.blogspot.com
(„Interkulturelle NaturWerkStadt“)
www.berlinerhonig.de (Vermarktung Honig aus Berlin)
www.stadtbienenhonig.com (Homepage von Erika Mayr)
www.deutscherimkerbund.de (Infos für Einsteiger)
Erschienen im Slow Food Magazin, Ausgabe 04/2011.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
